Von der Unwissenheit

Oder: Wie neue Räume durch den Anfängergeist entstehen

In meiner Unizeit hatte ich einen Dozenten: Herrn Lehmann. Herr Lehmann war großartig – wie sein Name vermuten ließ. In einem seiner Seminare lasen wir Kurzgeschichten, die es in sich hatten: Sobald man am Ende war, hatte man weder verstanden, um wen es wirklich ging, noch was genau passiert war – hinein- und wieder hinausgeworfen. In der ersten Stunde waren alle Anwesenden von dieser Tatsache ziemlich verunsichert, denn worüber sollte man sprechen, wenn jeder so ziemlich nichts verstanden hatte, von dem was geschah. Herr Lehmann aber sagte: „Haben Sie etwas verstanden?" – große Stille – „Ich auch nicht! Dann schauen wir doch einmal gemeinsam, was da los ist.“ Die Atmosphäre im Seminar wandelte sich schlagartig. Ich habe in der Uni selten so guten und tiefgehenden Austausch gehabt, wie in diesem Seminar.

 
Dass ein Dozent, eine Autoritätsperson mit enormem Wissensvorsprung die eigene Unwissenheit zugibt, habe ich an der Uni nur dieses eine Mal erlebt. An der Universität, aber auch in vielen anderen Kontexten gilt immer noch die unausgesprochene Wahrheit, dass Führungspersonen Bescheid wissen müssen: Sie sollen Experten sein in ihrem Gebiet, die Person, die man am Ende immer noch fragen kann, weil sie ja das meiste Wissen hat – anders wäre sie auch oft nicht Führungskraft geworden, wenn sie nicht Eins A in ihrem jeweiligen Themengebiet wäre. Ich kenne Führungskräfte, die sich auch selbst an diesem Anspruch messen, das meiste Wissen im Team zu besitzen – und verzweifeln, wenn durch Umstrukturierungen oder Veränderungen plötzlich die eigene Wissensbasis zusammenbricht.

Ich möchte an dieser Stelle für die Kraft des Nichtwissens plädieren. Nichtwissen schafft Räume, in denen gemeinsam erkundet werden kann, was eigentlich los ist, welches vorhandene Wissen noch funktioniert und wie das Wissen aller Beteiligten kombiniert werden kann, um gemeinsam zu neuen Lösungen zu finden. Damit sich hierzu alle eingeladen fühlen, ist es oft nötig, dass die Führungskraft einen Schritt vorausgeht und über den eigenen Schatten des Expertengefühls springt. Erst wenn sie zugeben kann, dass sie es auch nicht weiß, trauen sich rangniedrigere MitarbeiterInnen ihre Ideen ehrlich einzuwerfen. Die Hierarchiesperre wird für einen Moment überwunden.

Buddhisten praktizieren diese Art an Probleme heranzugehen übrigens ganz gezielt. Sie nennen diese Form den Anfängergeist: Der mentale Zustand, in dem man seinen Geist frei macht, von allem was man schon meint zu wissen. Wie ein Anfänger, wie ein Kind, geht es ums Ausprobieren, Testen, Scheitern und Neusortieren. Und das kann in unserer volatilen und sich schnell wandelnden Welt nur hilfreich sein.

(geschrieben im Mai 2020)

Zum Weiterlesen:

Ein schöner Blogartikel, in dem der Anfängergeist noch etwas ausführlicher beschrieben wird: Organic Strategies


Das bekannteste Werk aus dem Zen-Buddhismus zum Anfängergeist: Shunryu Suzuki: Zen-Geist Anfänger-Geist. Unterweisungen in Zen-Meditation



Kleiner Werbeblock am Rande

Auch im Wissenstransfer arbeite ich mit Unwissenheit – häufig habe ich keine Ahnung von dem speziellen Expertengebiet, von dem mir der Wissensgeber erzählt. Es klingt paradox, aber dieses Nichtwissen ist oft sogar von Vorteil: So stelle ich Fragen, die den Erzähler ins Stocken und Nachdenken bringen – und so zu neuen Erkenntnissen und einer tiefergehenden Dokumentation führen. Solltest du Interesse an der strukturierten Begleitung eines Wissenstransfers haben, freue ich mich über deine Nachricht.