Vom Feedback

Oder: Gedanken-Geschenke für ein wertschätzendes Miteinander

Wenn ich zurückblicke, liegen die Ursprünge meiner heutigen beruflichen Tätigkeit ganz klar in der Jugendarbeit – insbesondere in einem Gruppenleitergrundkurs, an dem ich 2004 bei der Evangelischen Jugend in Hameln-Pyrmont teilnahm. In diesem Kurs lernte ich das erste Mal die Methoden und Themen kennen, die ich heute selbst anwende und im Training an andere Menschen weitergebe. Die für mich eindrucksvollste Technik, die ich damals als Jugendliche kennenlernte, war das Feedback.

 

Feedback – die Rückmeldung, die Rückkopplungsschleife in der Kommunikation, die es möglich macht, dass wir einen kleinen Blick in die Gedankenwelt des anderen werfen können. Als ich das erste Mal die vier Schritte kennenlernte, mit denen ich ohne zu verletzen und klar meine Gedanken ausdrücken kann, war ich begeistert: Ich dachte, das ist die Lösung, um endlich mal so einigen Lehrern meine ehrliche Meinung zu sagen. Das habe ich am Ende natürlich nicht gemacht. Um ehrliches Feedback zu geben, braucht man einiges an Mut und auch Sicherheit. Die erste Anwendung dieser neu erlernten Technik nutzte ich daher nicht in der Schule, sondern bei meinen Eltern.


2004 war ich mitten in der Pubertät und bei uns zu Hause war das Leben mit mir nicht immer einfach. Gerade in dieser Zeit hatte sich bei mir einiges angestaut, es war viel Frust in unserem gemeinsamen Umgang miteinander und ich wusste einfach und schaffte es nicht, ihn auszudrücken. Mit dem neuen Feedbackwissen schrieb ich damals einen langen Brief an meine Eltern, in dem ich alles formulierte, was mich störte, was ich mir wünschte, wie es mir ging und was ich in unserem Umgang miteinander verändern möchte. In einem sehr emotionalen Gespräch las ich meinen Eltern damals alles vor. Es floss einiges an Tränen, viele Gedanken wurden ausgesprochen, die vorher nie Raum hatten und Verletzungen wurden geklärt.

Richtig gegebenes Feedback hat eine Macht, die nicht zu unterschätzen ist. Im alltäglichen Leben, insbesondere aber auch in Organisationen, kann eine offene und fest installierte Feedbackkultur so einigen Konflikten und Missverständnissen vorbeugen. Feedback ist ein Geschenk: Ein Einblick in die Gedankenwelt des anderen, in seine oder ihre Wahrnehmung, Einordnungen und Gefühle. Durch diese Einblicke wird die gemeinsame Arbeit leichter: Ich werde auf meine blinden Flecken hingewiesen und habe die Möglichkeit, Dinge zu erkennen, die ich vorher nicht gesehen habe. Im Team hilft regelmäßiges Feedback, unausgesprochene Probleme oder Themen der Gruppe auf den Tisch zu holen – und im Positiven natürlich auch dabei deutlich zu machen, wofür man einander braucht, wofür man dankbar ist und was man am anderen besonders schätzt.

 

Eine der zentralen Regeln beim Feedback-Geben ist dabei: Feedback sollte immer erbeten sein! Wenn mir etwas auffällt, sollte ich den anderen immer zunächst fragen, ob er oder sie wirklich ein Feedback in diesem Moment haben möchte. Damit Feedback auf fruchtbaren Boden fallen kann, ist dieses Einverständnis vorab absolut notwendig.

Wenn ich mich in den meisten Organisationen umhöre, ist Feedback als Technik durchaus bekannt, wird aber selten wirklich sauber genutzt. Um konstruktives Feedback zu geben, braucht man einiges an Sensibilität für die eigene Sprache und den eigenen Ausdruck. Schon der erste Schritt: Beobachtungen – und nicht Bewertungen – aussprechen, ist für viele Menschen die absolute Herausforderung. Unsere Sprache ist so durchzogen von Verallgemeinerungen, Übertreibungen und Schuldzuweisungen, dass es oft einige Anläufe braucht, bis wirklich die eigentliche Beobachtung freigelegt ist. Und mit den nächsten Schritten wird es nicht leichter: Gefühle ausdrücken – genauso schwer. Viele von uns können gerade einmal zwischen gut und schlecht unterscheiden – die ganze Bandbreite der Gefühle dazwischen (beispielsweise von begeistert über irritiert bis überrascht oder wütend) wird oft nicht in ihrer Klarheit wahrgenommen, noch kann sie leicht in Worte gefasst werden.

Das Gute ist aber: Wertschätzendes Feedback zu geben, kann man lernen. Das geht, wie bei den meisten Techniken, nicht von heute auf morgen, sondern braucht Übung und Raum zum Ausprobieren. Zum Glück sind in diesem Bereich die Übungsmöglichkeiten nahezu unendlich: In jeder Begegnung, bei jeder Dankbarkeit, die ich jemand anderem ausdrücken möchte, bei jedem schlechten Bauchgefühl, bei möglichen Verbesserungen, die ich sehe, kann ich Feedback geben und beobachten, was dieses Geschenk aus meiner Gedankenwelt mit dem anderen macht. Mit unserer Beziehung und unserem Umgang miteinander. Ich verspreche, dass Feedback hier einiges kann!

(geschrieben im Juni 2020)

Zum Weiterlesen:

Ein sehr gutes Buch über Feedback in allen möglichen Variationen: Jörg Fengler: Feedback geben. Strategien und Übungen


Die Königsklasse des Feedbacks – Gewaltfreie Kommunikation. Zum Einstieg empfehle ich die sehr verständliche und praktische Einführung des Entwicklers der Gewaltfreien Kommunikation: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen


Für Unternehmens-Verantwortliche, die ihre Feedbackkultur verbessern möchten: Das großartige Buch von Ulla Domke und Martin Granica – auch mit vielen anderen praktischen Tipps und Ansätzen zum Thema Selbstorganisation und zukunftsorientierte Führung: Ulla Domke & J. Martin Granica: Mutig führen. Wie Sie in Ihrem Unternehmen die Lust auf Verantwortung wecken


Zum Mitnehmen und Ausprobieren:

Anbei findest du ein Merkbild zum Download auf dein Smartphone, auf dem die Feedbackformel zusammengefasst ist, die ich auch in meinen Trainings unterrichte.

 

Zum Ausprobieren fang am besten schriftlich an: Schreibe ein komplettes Feedback (Kritik oder Anerkennung) anhand der 4 Schritte auf. Anschließend gehst du, möglichst mit einer zweiten Person, die Formulierungen durch: Was fällt ihr auf, wenn sie dein Feedback hört? Wie fühlt sie sich? Wo sollten Formulierungen angepasst werden?

 

Ohne konkrete Anleitung und Rückmeldung von außen, bemerken wir oft Bewertungen, indirekte Du-Botschaften und Verallgemeinerungen in unseren Aussagen nicht. Sobald du dich sicherer fühlst, wende die Feedbackformel ruhig auch mündlich an – und beobachte, was passiert.



Kleiner Werbeblock am Rande

Wenn du lernen möchtest, Feedback zu geben, ist vielleicht ein individuelles Training eine gute Möglichkeit für dich. Oder auch, wenn du gerade in einem Konflikt steckst und dir eine Klärung deiner eigenen Situation, deiner Gefühle und Bedürfnisse helfen kann – schreib mir gerne eine Nachricht.